René Stettler, Dr. phil.
Moderator - Dozent - Autor/Referent

 
Lehre

picAbschiedsworte – Hochschule Luzern, Design & Kunst / 10. September 2020

pic21 Jahre habe ich an der Hochschule Luzern, Design & Kunst, die Fächer Medientheorie und Medienphilosophie als hybriden Diskurs unterrichtet, der unterschiedliche Elemente der Schriften des verstorbenen jüdisch-stämmigen tschechischen Kommunikationsphilosophen Vilém Flusser (1920 - 1991) zusammenführt.

Unsere Gegenwart ist durch eine fundamentale Veränderung unserer Kommunikation und damit unserer Welt gekennzeichnet. Beschleunigt durch die neuen digitalen Technologien, verstärkt sich dieser Wandel zu einem radikalen Umbruch.

Die Medienkultur orientiert sich an fragmentarischen Bildern; technische Apparate und elektronische Gedächtnisse erweitern unsere Lebenswelt in der technische Bilder zunehmend dominant sind. Das ist die Tendenz, die Vilém Flusser aus dem Verständnis seiner Gegenwart konzeptualisiert und in die Zukunft verlängert hat. Photo von Vilém Flusser: © Kunstforum International.

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Grabstein von Vilém Flusser und seiner Frau Edith, die 2014, 23 Jahre nach Vilém Flusser, verstarb. Diese Photographie habe ich auf dem jüdischen Friedhof in Prag gemacht, anlässlich einer Reise nach Tschechien. © René Stettler, ca. 1995

Ethische Ausrichtung

In meinen Seminaren werden die Studierenden für die Zusammenhänge zwischen der Wissenschaft und ihren Machtdiskursen, Forschung, technologischer Innovation, Globalisierung, Umwelt und sozialer Verantwortung sensibilisiert. Dabei geht es um elementare Fragen, welche auch eine kulturelle und industrielle Ethik betreffen, die für das künstlerische und nicht zuletzt auch das ökologische Schaffen und Entwerfen wichtig sind.

Cartoon © Gabi Kopp and René Stettler (Economy of Knowledge [detail], 2008)pic











picpic2014 erschien mein Buch The Politics of Knowledge Work in the Post-Industrial Culture (Ambra Verlag / Birkhäuser Verlag, Wien / Basel). Das Ziel des Buches ist die Darstellung einer Erkenntnistheorie über kulturelle Arbeit (Wissensarbeit) sowie Überlegungen zu den Möglichkeiten für handlungsorientierte Methoden für kulturelle Arbeit und deren Funktion als treibende Kraft für Bürgerdialoge und gesellschaftliche Veränderungen. Ein Hauptaugenmerk liegt auf der ökologischen, ethischen und politischen Dimension der kulturellen Arbeit. mehr.

Kulturelle Wissensarbeit © René Stettler, 2011pic












Chinesische Gegenwartskunst


In China sind die Aktivitäten der zeitgenössischen Kunst erst während des letzten Jahrzehnts in das Blickfeld einer breiten Öffentlichkeit getreten. Von 2004 – 2008 hat die chinesische Gegenwartskunst im internationalen Kunstmarkt Steigerungen ihres Werts von 2000% und mehr erreicht. Dieser Boom fand 2008 ein Ende.

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Das Seminar unterrichte ich zusammen mit dem gebürtigen Chinesen Xinglai Yang (geb. 1957). Photos oben: Studierende der Hochschule Luzern, Design & Kunst, anlässlich von Exkursionen in die Sammlung Sigg, Mauensee: 2014, 2018, 2019, 2023, mit dem Sammler Dr. Uli Sigg, rechts auf den beiden unteren Photos. Xinglai Yang steht ebenfalls ganz rechts im obersten Bild. Unterste Photo: Klassenfoto mit Uli Sigg anlässlich des Sammlungsbesuchs im April 2023.

picXinglai Yang führt im Seminar in die chinesische Kultur- und Kunstgeschichte ein, während ich die wichtigsten Positionen der zeitgenössischen chinesischen Kunst, die am Boom von 2004 - 2008 beteiligt waren, vorstelle: u. a. Ai Weiwei, Li Dafang, Li Songsong, Liu Jianhua, Lu Hao, Wang Xingwei, Weng Fen, Xiao Yu, Xie Nanxing, Yu Youhan, Zhang Huan, Zhang Xiaogang und Zeng Fanzhi.

picAufgrund der erworbenen ersten Kenntnisse über historische und aktuelle Aspekte chinesischer Kultur und Kunst, nutzen die Studierenden das Wissen für eine schriftliche Arbeit über die im Seminar behandelten Themen. Die Arbeit kann entweder auf die chinesische Kultur- und Kunstgeschichte fokussiert sein oder sie setzt sich mit gesellschaftlichen und ästhetischen Phänomenen der chinesischen Gegenwartskunst auseinander.
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Besuch Museum Rietberg, Zürich, mit Studierenden der Hochschule Luzern, Design & Kunst (2021).


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Abschiedsworte - Hochschule Luzern, Design & Kunst / 10. September 2020

Liebe Gabriela
Liebe Kolleginnen und Kollegen

Ich möchte mich bedanken. Bei Dir Gabriela und bei Silvia Henke und Marie-Louise Nigg. Und bei Euch allen, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Ich bedanke mich dafür, dass ich über 21 Jahre verschiedene Seminare unterrichten durfte. Mit einer Erinnerung und ein paar kritischen Gedanken möchte ich mich von Euch allen verabschieden.

Physik, Gott und die Frauen: Physik für Poetinnen und Poeten hiess eines der vier Seminare. Wir – die Studierenden und der Dozierende – debattierten über die Frage was Star Trek und die Physik des Gehirns gemeinsam haben. Was hinter dem Begriff «Teleportation» steckt – oder – was ein Quantencomputer ist.

Basierend auf Margaret Wertheims Buch «Die Hosen des Pythagoras» versuchten wir eine engagierte, manchmal polemische Sichtweise nachzuzeichnen, welche die Physik als die katholische Kirche der Wissenschaft entlarvt. Hypatia, Marie Curie oder Lise Meitner hatten dabei nichts zu lachen. Im Kern jedoch zeichnete ich mit den wissenshungrigen Studentinnen und Studenten einen Einblick in die Sozialgeschichte der Physik und ihre philosophischen Grundlagen nach – mit dem Fokus auf das Verhältnis von Naturwissenschaft, Kunst und Philosophie aus heutiger Sicht.

Ich war ein Glückspilz: Die Studierenden waren mehr als nur aufmerksam und diskutierten engagiert mit, wenn es dem Dozenten darum ging, die Zusammenhänge zwischen der Wissenschaft und ihren Machtdiskursen, technologischer Innovation aber auch der Globalisierung, der Umwelt und sozialer Verantwortung offenzulegen.

Als Wissensvermittler war mir in all diesen vielen Stunden und Wochen an unserer Schule wichtig, dass bei vielen Fragen meiner Seminare bei denen es im Kern um eine kulturelle und industrielle Ethik ging, die Verbindung zum künstlerischen und nicht zuletzt auch ökologischen Schaffen und Entwerfen nicht aus dem Fokus geriet. Deswegen lagen mir auch die kultur- und medienkritischen Thesen von Vilém Flusser, die ich 21 Jahre lange unterrichtete, am Herzen. Flusser holte ich 1991 in die Schweiz – in meine Kunstgalerie im Schlössli Götzental – wo er einen Vortrag hielt.

Irgendwie eine logische Konsequenz ist – neben der Biennale an der in Luzern seit 25 Jahren Fragen zum menschlichen Bewusstsein und unserem Verhältnis zur Umwelt thematisiert werden – was mich seit ein paar Jahren in Zurückgezogenheit auf der Rigi mit den Grossstädtern in Barcelona, Amsterdam oder Berlin verbindet: Der Kampf gegen quantitatives Wachstum. Offenbar dämmert es immer mehr Menschen, dass das «Immer Mehr» zu immer grösseren Problemen führt.

Diese Opposition gegen bedingungsloses Wachstum speist sich heute aus unterschiedlichsten Quellen. Mit Schubladisierungen wird man diesen Widerständen immer weniger gerecht. Denn Wachstumskritik ist heute weder eine konservative noch eine rechte oder linke Exklusivität.

An der Seite von Kollege Xinglai Yang unterrichte ich kommende Woche nochmals chinesische Gegenwartskunst. Xinglai führt in die chinesische Kulturgeschichte ein, während ich die wichtigsten Positionen der zeitgenössischen chinesischen Kunst vorstelle. Im Seminar stellen wir Fragen zur Aufgabe der Kunst angesichts des globalen «Goldrausches», der Dutzende von chinesischen Gegenwartskünstlern zu Multimillionären im chinesischen Turbokapitalismus gemacht hat. Die Frage, die mich seit einigen Jahren beschäftigt, ist, ob die zeitgenössische chinesische Kunst bald das gleiche Schicksal wie die westliche Kunst ereilt, die kaum noch Ausdruck von Wahrheit, Moral und Kritik ist – sondern nur noch eine Art Wohlstandsparameter.

Dahinter steckt, liebe Kolleginnen und Kollegen, eine Figur, die – wie es Peter Schneider ausdrückt – «den europäischen Bildungsraum bewohnt»: Das unternehmerische Selbst. Meine Erfahrung ist, dass sich heute alles vor dem «Tribunal der Ökonomie» zu rechtfertigen hat. Will man heute nicht überflüssig oder nutzlos werden, nicht ewig infantil bleiben sondern erwachsen werden, führt – gemäss Schneider – kein Weg an diesem Bologneser Bildungsregime vorbei.

In der Kindheit schien mir der Widerstand gegen die Erziehung zum Erwachsensein unausweichlich und unvermeidbar. Das Bildungs- und Erziehungsverständnis des Vaters war gegenüber uns Kindern jedoch klar und explizit. Wenn er die Thesen des Club of Rome zitierte war er besorgt wegen der Endlichkeit der Ressourcen und dem Wachstum ohne Grenzen. Es ging ihm um die Lebensgrundlagen der nächsten Generation. Diese Besorgnis ist auch für den Sohn – heute selbst Vater und ein alter Mann – noch immer ein primärer Antrieb und Motivation.

Liebe Gabriela, liebe Silvia, liebe Marie-Louise, liebe Kolleginnen und Kollegen!

Es wäre schön wenn wir den Kontakt behalten würden. Ihr seid alle immer willkommen auf der Rigi. Ich freue mich auf Besuche und Gespräche am Kaminfeuer oder beim Spazieren oder Wandern auf der Königin der Berge.

Blibed gsund!

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neu erstellt 2023

AKTUELL

picOnline-Seminar Vilém Flusser
6. - 10. März 2023

picDas Seminar ermöglicht eine kritische Betrachtungsweise des digitalen Zeitalters.

Die Teilnehmenden erwerben Kenntnisse der Schriften des Kommunikationsphilosophen Vilém Flusser und diskutierten aktuelle Themen aus Wissenschaft, Technik, Kunst, Politik und Wirtschaft.
mehr.

inar Vilém Flusser 6. - 10. März 2023

as Seminar ermöglicht eine kritische Betrachtungsweise des digitalen Zeitalters.
Die Teilnehmenden erwerben Kenntnisse der Schriften des Kommunikationsphilosophen Vilém Flusser und diskutierten aktuelle Themen aus Wissenschaft, Technik, Kunst, Politik und Wirtschaf

Photo Vilém Flusser:© Kunstforum International
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